Wie nahe doch Freud und Lied beineinander liegen

In dieser Woche erlebte ich den schlimmsten als auch einer der schoensten Tage hier in Bolivien. Ein wirklich komisches Gefuehl. Als ich am Montag nach Tirani zur Arbeit gefahren bin, kamen wir Erwachsene und Kinder aus Tirani, entweder zu Fuss oder im Micro, demonstrierend entgegen. Sie waren auf dem Weg in die Stadt, sowas habe ich nocht nicht gesehen. Ich konnte mir noch nicht erklaeren, wozu das alles dienen sollte. Als ich dann in der Einrichtung ankam, lag eine traurige Stimmung in der Luft. Doña Lourdes, unserer Koechin, erklaerte mir dann, was passiert ist. Seit einer Woche war ein achtjaehriger Junge in Tirani verschwunden, am Samstag wurde er dann 500 Meter von seinem Haus entfernt tot aufgefunden. Ein grausames Gewaltverbrechen, sein Kopf lag abgetrennt einige Meter vom Rest der Leiche entfernt, auch ein Arm fehlte dem Jungen. Der Moerder war der einundzwanzigjaehrige Onkel des Jungen, im betrunkenen Zustand hat er seinen Neffen zuerst vergewaltigt und dann mit Steinen umgebracht. Die Tat war geplant, um es nun um Rache oder Landbesitz ging, ist noch unklar. Die Bewohner von Tirani, worueber ich nun Bescheid weiss, haben am Gerichtsgebaeude dafuer demonstriert, dass der Taeter lebenslang ins Gefaengnis kommt, jedoch ohne Erfolg. Natuerlich kannten viele aus dem Dorf den kleinen Cristian, vor einem Jahr war er auch noch fuer kurze Zeit bei uns im Apoyo, also in der Hausaufgabenbetreeung, ich selbst kannte ihn nicht. Am Mittag wurde dann eine Messe in Tirani fuer den Jungen gehalten, wozu extra ein Priester eingeladen wurde. Inmitten der Menge stand der kleine, weisse Sarg, umschlossen von einer grossen Menge von weissen Blumen. Ich hatte das Gefuehl, dass fast ganz Tirani anwesend war. Natuerlich wurde kurz vor der Messe am Sarg gegessen, waehrend der Messe klingelte dauernd ein Handy. Fuer mich irgendwie unvorstellbar. In seiner Predigt hat der Priester eine Veraenderung in Tirani gefordert, dass sich eine solche schlimme Tat nicht mehr

wieerholt. Er hat gefordert, dass der Alkoholkonsum abnimmt, die Eltern besser ihre Kinder erziehen und besser auf sie aufpassen. Beeindruckend war, dass er die Predigt in 2 Sprachen (Quechua und Spanisch) hielt, so dass ihn auch die nicht spanisch-sprechende Bevoelkerung verstanden hatte. Mal schauen, ob sich was veraendert, das Buergermeisteramt hat schon begonnen, den Cicha (Maisschnaps), der in Tirani hauptsaechlich getrunken wird, auszuschuetten. Ich hoffe, dass bald einige der 12 Chicharias, da wo der Chicha getrunken wird, geschlossen werden. Der Alkohlkonsum ist einfach das groesste Problem in Tirani! Nach der Messe gings zum Friedhof, da es in Tirani keinen gibt, stand uns eine halbstuendige Fahrt bevor, die ersten Meter zu Fuss in einer Art Prozession, danach mit dem Micro. Das ganze war ein richtiges Medienspektakel, da die Eltern zur Suchaktion die Presse und das Fernsehen eingeschaltet haben, begleitete ein Kamerateam den ganzen Tag. Die Bewohner nutzten dies, um ihren Standpunkt zu zeigen. Am Sarg des Jungen forderten sie Gerechtigkeit, eine lebenslange Strafe fuer den Moerder, einige forderten sogar die Todesstrafe. So war die Beerdingung eigentlich eine Demonstration, fuer mich kein wuerdiger Abschied von einem Verstorbenen, solche Dinge kann man an einer anderen Stelle klaeren, doch ich bin auf einem anderen Kontinent.

Danach wurde der Sarg in das Grab gestellt, nicht unter der Erde vergraben, wie bei uns. Es war wirklich ein schwarzer Tag, am Abend habe ich lange darueber nachgedacht. Welche Strafe der Moerder jetzt bekommt, ist immer noch unklar, wahrscheinlich 30 Jahre, die Frage ist nur, ob er solange ueberlebt, da die Behandlung in den bolivianischen Gefaengnissen unmenschlich ist. Das Schlimme ist, dass es in den letzten vier Jahren zwei weitere Morde gegeben hat. Ich hoffe, dass ich keinen weiteren miterleben muss. Doch auf schlimme Tage folgen auch wieder sehr schoene. Am Mittwoch stand die OP des fuenfjaehrigen Kevin an. Kevin ist in meiner Kindergartengruppe, seine Zunge war mit seinem Gaumen so stark verbunden, dass er sie kaum bewegen kann. Das hat Konsequenzen auf sein ganzes Sozialverhalten. Er spricht kaum, und wenn er spricht, versteht man ihn nicht, was dazu fuehrt, dass er keinen Anschluss in der Gruppe hat. Er spielt nicht, er isst nicht alleine und wuerde sich am liebsten unter einer Decke verkriechen. Seit mehreren Jahren geht seine Mutter mit Kevin zu verschiedenen Aerzten, alle sagen, dass dies normal sei und eine Operation nicht notwendig sei. Ueber den Grund kann man spekulieren. Kindern bis zu fuenf Jahren finanziert der Staat die Behandlungen und Operationen. Doch es ist so, dass wenn es nicht unbedingt notwendig ist, die Aertze, um Kostern zu sparen, bestimmt auch vom Staat beeinflusst, nicht zu solchen Eingriffen raten. Da Kevin im September fuenf Jahre alt geworden ist, habe ich beschlossen, die Kosten fuer die Operation zu uebernehmen, an dieser Stelle vielen Dank an meine vielen Spender! Die Operation lief gut, der Arzt, ein Bekannter der Familie, hat den Eingriff kostenlos gemacht, nur die Narkose und die Zeit im Krankenhaus musste bezahlt werden. Leider hat Kevin ein weiteres Problem, er ist stark unterernaehrt, ihm fehlen 3 Kilo, was in seinem Alter ziemlich viel ist. Dafuer haben wir auf Rat des Arztes noch ein Pulver gekauft,

ich hoffe, dass dieses seinen Zweck erfuellt und dass die Operation Kevin nun das Sprechen leichter macht. Ich bin mir sicher, dass es einige Zeit dauern wird, bis er sich in seinem Verhalten aendert, wozu wir jetzt auch mit seiner Mutter zusammenarbeiten. Sie soll fuer die Erziehung und die Ernaehrung von Kevin ihre Verantwortung uebernehmen, sie hat im Vergleich zu anderen Eltern in Tirani zum Glueck das Potential dazu. Ja, so geht eine weitere Woche zu Ende, sie verfliegen momentan wie im Flug! Bis bald ... ich hoffe, mit nicht so traurigen Eindruecken ...

 

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